16.Februar.2021

Nachgefragt: Roland Schaeffer in der Corona-Zeit

Nachgefragt: Roland Schaeffer in der Corona-Zeit

Interview mit Roland Schaeffer (70), Solo-Künstler und Gitarrist der Band Guru Guru

Roland, wo bist Du und was machst Du gerade?

Roland Schaeffer: Ich bin gerade in meiner Küche und beende mein Frühstück. Ich wohne sehr zentral in Baden-Baden, im dritten Stock. Es regnet seit Stunden Bindfäden und ich habe schon überlegt, ob ich trotzdem mal raus gehe. Ansonsten habe ich gerade sehr interessiert zwei Artikel im Internet über die Autorin Mary Shelley, die Erfinderin von Frankenstein, gelesen. Was die früher so getrieben haben war schlimmer, als alles was damals hier in den 60er und 70er Jahren gelaufen ist. Exzessiv halt.

 

Seit Ausbruch der Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen hat sich das Leben vieler Menschen geändert. Gerade Künstler sind sehr stark betroffen. Wie hat sich dein Leben als Musiker verändert?

Roland Schaeffer: Der erste grundlegende Fakt ist: keine Konzerte. Ich bin ja gewohnt recht viel zu spielen, vor allem mit Guru Guru, aber auch noch in anderen Projekten. Letztes Jahr gab es mal ein kleines Fenster, in dem was ging - das waren vier Konzerte. Die Veranstalter sind natürlich verunsichert, weil sie nie wissen, wann die Clubs wieder öffnen. Ein Konzert braucht immer Vorlauf. Ein paar Monate Werbung und so weiter. Viele Clubs steigen daher schon garnicht mehr ein. Meine Frau studiert, kann derzeit nicht an die Uni und muss alles online machen. Da das Studium sehr umfangreich ist und sie sehr konzentriert arbeiten muss, darf ich dann an der geschlossene Zimmertür anklopfen, bevor ich eintrete. Man merkt gerade wie abhängig wir von digitalen Dingen geworden sind und wie wichtig es ist, dass alles gut organisiert ist und wie miteinander kommuniziert wird. Man ist viel eingeschränkter und eingespannter in Vorgaben von aussen.

 

Was hältst Du von den Corona-Maßnahmen?

Roland Schaeffer: Ja, pfff. Man weiß ja gar nicht, was gerade die Maßnahmen sind. Ich halte mich da nicht groß dran. Ich besuche schon andere Leute. Ich habe gelesen, dass “Familie” erlaubt ist. Ich habe drei erwachsene Kinder, die ebenfalls Kinder haben. Es gibt also jede Menge Enkelkinder. Wir tun uns keinen Zwang an. Wir genießen den Winter mit viel Schnee im Schwarzwald. Meine beiden Söhne und ich sind begeisterte Snowboarder und Skifahrer. Also machen wir Party an der frischen Luft im Schnee. Wobei oben auf'm Berg auch echt viel los ist. Streckenweiße sind die Straßen gesperrt und die Autos wurden abgezählt. Besonders an den Wochenenden gibt es Wartezeiten, damit nicht zu viele auf der Piste sind. Aber wir sind ja aus der Umgebung, da kann man auch mal unter der Woche Skifahren gehen. Wirtschaftlich ist das für viele kleine Läden wirklich schlimm. Die kämpfen um ihre Existenz. Und bei denen ist ja auch in normalen Zeiten der Laden nicht dauerhaft voll. In Supermärkten ist das wohl sehr viel gefährlicher. Den Kindergarten, in den meine Tochter geht, haben sie vor Weihnachten zu gemacht. Das ist für die Kleine nicht gut, so ganz ohne Gleichaltrige. Auch die Kleinen brauchen ihren eigenen “Space”. Ich finde, dass die Corona-Maßnahmen oft einfach zu pauschal sind. Bei hohen Inzidenzen kann ich verstehen, dass harte Maßnahmen notwendig sind. Aber zum Beispiel hier in Baden-Baden lagen wir zeitweise unter 30 Fällen pro Woche. Hier könnte man lockern.

 

Was fehlt dir am meisten? Was ist das Erste, das nachgeholt werden muss?

Roland Schaeffer: Anfang des Jahres sind meine Frau Elena und ich eigentlich immer nach Sri Lanka geflogen. Meine Frau studiert und wenn Semesterferien sind, geht’s für uns immer in den Süden. Das fehlt jetzt. Die Bedingungen für Reisen sind derzeit einfach schlecht. Man müsste in Quarantäne gehen und verschwendet seine Zeit. Das ist Quatsch. Natürlich fehlen mir die Konzerte. Laut unserem Management könnten Konzerte ab April vielleicht wieder stattfinden. Ob das klappt ist fraglich.

 

Womit verbringst Du derzeit deine Zeit?

Roland Schaeffer: Ich habe nicht viel zu tun, übe natürlich, schreibe Stücke und komponiere. Nebenbei spiele ich noch in einer Amateurband. Die anderen sind Musiker aus Baden-Baden, eigentlich keine Profis, aber spielen sehr gut. Da machen wir eher Jazz. Während Corona haben wir ab und zu geübt und im Sommer auch mal ein Konzert gemacht. Aber Live-Auftritte sind mittlerweile ja auch verboten. Privat könnte man natürlich Musik machen - illegal. Es gibt aber auch Musiker, die sich selbst gefährdet fühlen und daher nicht spielen möchten. Jetzt habe ich allerdings zwei Musiker gefunden, denen ist das egal. Ich bin befreundet mit ein paar Orchestermusikern. Baden-Baden hat ja ein ziemlich großes Philharmonie-/Symphonieorchester. Da haben wir jetzt ein Bläsertrio mit Trompete, Fagott und Saxophon initiiert. Das ist eine interessante Mischung. Gestern haben wir zum ersten Mal geprobt. Für dieses Trio habe ich auch Stücke komponiert und arrangiert. Das macht mir einen riesengroßen Spaß. Ansonsten fahre ich meine Tochter Wilma morgens in den Waldkindergarten und mittags hole ich sie wieder ab. Nachmittags verbringen wir gemeinsame Zeit in der Familie. Mit unserer lebendigen Wilma wird es uns nie langweilig. Außerdem lese ich momentan mehr als sonst.

 

Gibt es Dinge, die Du jetzt machst, die Du vor der Pandemie nicht gemacht hast? Willst Du nach Corona damit weitermachen?

Roland Schaeffer: Nein, eigentlich nicht. Da ich mehr Zeit als sonst habe, übe ich vielleicht etwas mehr und beschäftige mich mit neuen musikalischen Dingen und Stilen.

 

Wie verdienst Du ohne Live-Auftritte gerade dein Geld? Hast du Tipps für andere Musiker?

Roland Schaeffer: Eigentlich gar nicht, also außer, dass ich Zeug auf Ebay-Kleinanzeigen verkaufe. Meine Instrumente natürlich nicht. Ich verkaufe nur irgendwelchen Kram, der hier so rumfährt. Jetzt hat man ja Zeit zum Aussortieren. Zum Teil sind das Schallplatten, Flohmarktkram und Zeug, bei dem man denkt: wir haben eh zu viel Mist. Das bringt natürlich nur ein Taschengeld aber man ist beschäftigt. Damit Geld reinkommt, habe ich Corona-Hilfe beantragt. Das ist schon sehr nervig die Voraussetzungen zu prüfen und alle Unterlagen fertig zu machen. Da darf man die Hosen runter lassen und seine Finanzen offen legen. Sonst bekommt man nichts. Natürliche habe ich nichts zu verheimlichen, aber wenn man an das Geld ran will, wird man regelrecht durchleuchtet. Das hat letztendlich dann auch funktioniert, aber man fühlt sich quasi wie an so einem Fädchen, das nicht abreißen darf. Ich habe gelesen, dass es seit September auch eine Art Kindergeldzuschlag in Höhe von 300 Euro gibt. Keine Ahnung, ob wir das schon bekommen haben. Und sonst…hm..Ich koche viel und gehe immer einkaufen. Die ganze Küche ist nun quasi mein Gebiet.

 

Was denkst Du, wann Live-Auftritte wieder möglich sind?

Ich hoffe, dass es ab April wieder losgeht. Karlheinz Osche, der für unser Booking zuständig ist, hat bereits in der ersten Corona-Phase im Frühling letzten Jahres, alles auf 2021 gelegt.

 

Hast du in der Corona-Zeit an Livestream-Konzerten, o.ä. teilgenommen?

Roland Schaeffer: Nein, habe ich nicht. Es gab ein paar Anfragen bei Guru Guru, aber daraus ist bislang noch nichts geworden. Auf Instagram hat mein Trio-Kollege einen Musiker entdeckt, der dort seine Musik vorstellt und dem man Geld spenden kann. Ich weiß nicht, ob das für unser Trio auch eine Idee wäre. Ich nutze das Internet wenig, da es mir zu zeitaufwändig ist.

 

Wie ist der Kontakt zu deinen Musikerkollegen, Freunden und Fans?

Roland Schaeffer: Mit meinen Guru-Kollegen telefoniere ich öfter mal und ab und zu treffen wir uns. Es liegen ja doch immer Sachen an, die wir besprechen müssen. Wir müssen ja schauen, wie es weiter geht und welche Projekte in naher oder ferner Zeit anstehen. Vorbereitende Dinge, für die Zeit, in der es hoffentlich wieder besser ist.

 

Welche Rolle spielen soziale Medien für Dich?

Roland Schaeffer: Eigentlich fast gar keine. Wir haben einen Familienkanal bei Telegram. Dort tauschen wir uns ganz familiär aus. Das ist das einzige, dass ich ab und zu benutze. Da werden dann eher witzige, private Sachen kommuniziert. Aber mehr mache ich da nicht. Meine Frau die ist bei Instagram, wenn man da mal drin ist, dann ist man ja quasi “infiziert” kann man sagen. Ich wundere mich, wie regelmäßig die Leute dort Inhalte produzieren. Da gibt es immer mal witzige Sachen. Aber das ist natürlich im Prinzip alles Striptease. Damit kann man sehr viel Zeit verbringen oder auch verplempern. Aber man hat natürlich Unterhaltung. Mich interessiert das nicht so. Ich habe auch kein Facebook, denn ich habe keine Lust andauernd irgendwelche Fragen zu beantworten. Das ist mir zu viel. Mein Freund Mani macht das gerne, der genießt das auch. Er hat dort tausende Follower. Das ist natürlich ein super Kommunikationsmedium. Darüber kann er ganz leicht und schnell viele Fans erreichen. Das ist in vielen Situationen von Vorteil. Aber man muss seine Follower auch immer bedienen, weil sonst wir das uninteressant. Du kommst dann in so einen Unterhaltungszwang, wenn du viele Follower hast und musst halt was bringen - ansonsten bist du wieder out. Ich habe damit nicht viel am Hut. Man könnte sagen, ich bin altmodisch. Oder ich bin vielleicht sehr fortschrittlich, weil es ja sein könnte, dass die Leute irgendwann merken, dass es ihnen die Zeit raubt.

 

Gibt es eine Art künstlerische Einkehr, sozusagen ein kreatives Sabbatical?

Roland Schaeffer: Nein, für mich verändert sich da nicht so viel. Auftritte mit Guru Guru sind bzw. waren meist donnerstags bis samstags. Dann habe ich ja die restliche Woche Zeit. Da muss ich ja auch irgendwas machen. Ich beschäftige mich eigentlich permanent mit Musik. Ich spiele mehrere Instrumente, verschiedene Saxophone, Gitarre und ethnische Instrumente wie Nadaswaram. Da habe ich eigentlich genug Betätigungsfelder. Ich beschäftige mich auf der Gitarre hauptsächlich mit Rockmusik und Blues, und auf dem Saxophon eher mit Jazz und Ethnosachen. Aber da spiele ich eher irgendwelche Noten von Bach und spiele Cellokonzerte, einfach so für mich, da steht keine Absicht dahinter. Ich will jetzt hier nicht glänzen und irgendein Geplänkel mit dem Saxophon spielen, das gibt es alles im Internet. Mich interessiert das einfach, was der vor 300 Jahren geschrieben hat. Man stellt dann fest, dass sich bis heute fast gar nichts was die ganze Harmonik angeht - außer im Jazz - verändert hat. In der Musik habe ich genug Feld, um mich nicht nur einseitig zu “ernähren”. Aber auch während Corona hat sich da für mich überhaupt nichts verändert. Außer, dass ich jetzt vielleicht noch mehr Zeit dazu habe.

 

Was wird nach Corona in der Musikbranche anders sein?

Roland Schaeffer: Die Akzeptanz wird sehr viel höher sein, weil die Leute ausgehungert sind. Ich nehme an, dass jetzt wieder viel mehr Menschen zu Konzerten kommen. Bei den beiden Konzerten im vergangenen Herbst haben wir in einem Club gespielt, in den normalerweise 120 Menschen rein passen. Da waren wegen der Abstandsregelung halt nur 40 oder 50 Fans. Aber die sind abgegangen wie die Raketen. Und ich nehme stark an, dass es boomen wird, wenn es wieder los geht. Die Fans sind ausgehungert und konzertgeil. Natürlich hoffen wir Musiker, dass es ausverkaufte Konzerte geben wird und wir so auch etwas unsere finanziellen Schäden des letzten Jahres minimieren können.

 

Welche Chancen könnten durch die Pandemie entstehen?

Roland Schaeffer: Vielleicht, dass man wieder mehr und echter von Mensch zu Mensch kommuniziert. Es könnte sein, dass man einfach wieder das Bedürfnis hat, mehr Menschen zu treffen. Das sind die Effekte der Kontaktsperre. Wie sich das im einzelnen äußern wird, kann ich jetzt auch nicht sagen.

 

Interview: Sonja Zimmermann