24.Februar.2021

Nachgefragt: Dr. Christian Rätsch in der Corona-Zeit

Nachgefragt: Dr. Christian Rätsch in der Corona-Zeit

Interview mit Dr. Christian Rätsch (63), Ethnopharmakologe und Musiker

Christian, wo bist Du gerade?

Christian Rätsch: Ich bin gerade zuhause, wie es sich in dieser Zeit gehört. Ich lebe in Hamburg im Stadtteil Berne. Jetzt scheint gerade die Sonne in unsere Wohnung und alles ist in ein goldenes Licht getaucht.
 

Seit Ausbruch der Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen hat sich das Leben vieler Menschen geändert. Gerade Künstler sind sehr stark betroffen. Wie hat sich dein Leben als Musiker verändert?

Christian Rätsch: Eigentlich hat sich das nur verändert im Bezug auf meine Vorträge, Seminare und öffentliche Veranstaltungen. Denn die sind leider alle ausgefallen. Da ich für mein Hauptwerk “Die Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen” einen Zusatzband schreiben durfte, konnte ich mich da total rein vertiefen und das Werk fristgerecht abschließen. Das war unglaublich toll. Da muss ich Corona eigentlich fast dankbar sein, dass ich so viel Extrazeit für dieses Manuskript bekommen habe. Der Zusatzband ist richtig gut geworden.
 

Was hältst Du von den Corona-Maßnahmen?

Christian Rätsch: Meiner Meinung nach könnten die Maßnahmen noch schärfer sein. Die Pandemie ist eine Bedrohung für uns Menschen. Ich glaube nicht, dass Corona eine Lüge ist. Ich glaube auch an keine Verschwörungstheorien. Auch im kleinen ist es äußerst sinnvoll, sich so zu verhalten, dass die Ansteckungen möglichst ausbleiben. Das finde ich richtig. Nett finde ich auch, dass ich Künstlersoforthilfe bekommen habe. Und jetzt noch mal etwas bekomme. Das gleicht die fehlenden Einahmen wenigstens etwas aus.

Was fehlt dir am meisten? Was ist das Erste, das nachgeholt werden muss?

Christian Rätsch: Am meisten fehlen mir Konzerte und Opernbesuche, denn das ist meine Welt. Ich liebe es zu Konzerten zu gehen. Ob zu Guru Guru oder zum Philharmonischen Staatsorchester. Alles hat seine Reize. Ich habe eine große Passion für Opern, hauptsächlich für die deutschen Opern. Mein Favorit sind die von Wagner.
 

Womit verbringst Du derzeit deine Zeit?

Christian Rätsch: Meine Zeit verbringe ich damit meine Sammlung zu sortieren und viele Bücher zu lesen, die ich immer schon mal lesen wollte. Für mich ist das momentan keine verlorene Zeit. Mich mit verschiedenen Themen intellektuell zu beschäftigen ist eine meiner größten Süchte.

Wie hat die Pandemie das zwischenmenschliche Miteinander verändert?

Christian Rätsch: Man darf sich ja nicht mehr umarmen, das finde ich am Traurigsten. Mir fehlt auch sehr der Kontakt zu meinen Fans.

Wie verdienst Du ohne Live-Auftritte gerade dein Geld? Hast du Tipps für andere Musiker?

Christian Rätsch: Geld verdiene ich zur Zeit durch meine Buchverkäufe. Im vergangenen Jahr waren meine Einnahmen aus Buchverkäufen wohl am höchsten. Das war natürlich richtig toll. Tipps für andere Musiker: endlich einmal das zu machen, was man schon immer machen wollte, sich aber bisher nicht getraut hat.

Was denkst Du, wann Live-Auftritte wieder möglich sind?

Christian Rätsch: Das steht völlig in den Sternen. Was sicherlich am längsten geschlossen bleiben wird, sind sicher die Clubs. Vielleicht können bald wieder Konzerte stattfinden, sofern sie nach den Hygieneregeln ausgerichtet werden. Die Leute sind hungrig nach Musik, Kunst und Kultur. Das wird richtig gut, wenn's dann endlich wieder los geht.

Hast du in der Corona-Zeit an Livestream-Konzerten, o.ä. teilgenommen?

Christian Rätsch: Ja, das haben wir ein paar mal gemacht. Das ist auf der einen Seite beglückend wieder “direkten” Kontakt mit den treuen Fans zu haben. Auf der anderen Seite ist das aber auch beschränkt. Vor ein paar Wochen haben wir online ein Seminar mit dem schönen Titel:“Die Kosmologie der Freude” veranstaltet. Dort ging es um die Errungenschaften durch die Hippie-Zeit und natürlich um Musik. Da haben die die Leute tatsächlich zuhause vor dem Rechner getanzt. Das war echt Spitze.

Wie ist der Kontakt zu deinen Musikerkollegen, Freunden und Fans?

Christian Rätsch: Der Kontakt ist natürlich eingeschränkt. Ab und zu telefoniert man oder sieht sich online per Zoom. Das ist schon sehr schade. Ich will mich nicht beklagen, weil ich ja einsehe, dass wir uns schützen müssen. Schade ist auch, dass Musikern in den verschiedenen Bundesländern ganz unterschiedlich geholfen wird. Der eine bekommt eine gute und schnelle Hilfe, der andere muss Hartz-4 beantragen. Das ist richtig scheiße. Künstlersozialhilfe zu zahlen ist auch deshalb sinnvoll, weil viele Musiker dann im Heimstudio oder mit getestetem Orchestern Aufnahmen machen können. Da kommt natürlich einiges während Corona-Zeit zustande. Aber ich habe auch das Gefühl, dass es für einige Bands gut ist, dass sie mal eine Spielpause haben, um ihr Programm erneuern zu können. Das würde ich so wie so allen raten, die Zeit einfach zu nutzen, denn das ist das Beste was wir aus dieser Zeit machen können. Und die Corona-Hilfen sind dies bezüglich dann auch ein gutes Investment - das hat was von einem Stipendium für die Kultur. Am Ende kommt uns allen das zugute.

Welche Rolle spielen soziale Medien für Dich?

Christian Rätsch: Keine. Es gibt zwar eine Facebook-Seite unter meinem Namen, aber das ist von einem Fan, der das für mich pflegt. Ich weiß nicht mal, wie man in Facebook rein kommt. Meine Frau und ich haben für die Firma Labdanum eine Zoom-Reihe geplant, die eventuell in den sozialen Netzwerken läuft. Da sind wir gerade mit den Vorbereitungen beschäftigt.

Gibt es eine Art künstlerische Einkehr, sozusagen ein kreatives Sabbatical?

Christian Rätsch: Auf jeden Fall. Das höre ich an den verschiedensten Orten.

Welche Strukturen in der Musikbranche haben sich während Corona als funktionierend erwiesen? Was funktioniert überhaupt nicht? Hast du Ideen dazu?

Christian Rätsch: Es gibt eine ganz tolle Sängerin, Anna Prohaska. Sie ist Sopranistin und hat ein Album raus gebracht, mit dem Titel “Redemption”, also Erlösung. Dafür hat sie Bach-Werke eingesungen, in denen es um Erlösung geht. Ich glaube nicht, dass sie das ohne die Pandemie auch gemacht hätte.

Ich bin ja ein Bisschen altmodisch und kaufe gerne CDs. Normalerweise im Saturn Hamburg, die haben eine große CD-Abteilung. Schade, dass die Läden derzeit nicht geöffnet haben, denn ich steh' nicht so darauf, die CDs zu bestellen. Notgedrungen mache ich das jetzt ab und zu. Mehrfach haben mir Freunde, die mir ein neues Album vorstellen wollten, dieses einfach per Post geschickt. Da habe ich mich jedesmal gigantisch drüber gefreut.

Die, die keine kommerzielle Musik machen sollten unbedingt gefördert werden um ihre Kreativität ausüben zu können. Ganz ohne Blick auf Umsatzzahlen.

Was wird nach Corona in der Musikbranche anders sein?

Christian Rätsch: Das wird man erst im Nachhinein sehen können. Momentan kann man das nicht vorhersagen.

Welche Chancen könnten durch die Pandemie entstehen?

Christian Rätsch: Der Umgang innerhalb der Gesellschaft. Derzeit erleben wir ja politisch etwas Unbekanntes. Nämlich Maßnahmen, die objektiv betrachtet unsere Freiheit einschränken. Für mich ist Freiheit in erster Linie ein Gefühl. Das kann man durch verschiedenen Dinge ausdrücken, zum Beispiel durch ein super geiles Gitarrensolo. Vielleicht wird in Zukunft mit neuen Bedrohungen besser umgegangen. Das hoffe ich zumindest sehr.

 


Interview: Nabil Zitouni


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